Hilfe, mein Kind will nicht schlafen.

Sie sind erschöpft. Ihr Kind macht die Nacht zum Tag und Sie hören von allen Seiten, was Sie machen sollen. „Bei uns hat das geholfen“, „probier doch dies aus“ oder „diese Methode ist wirklich fürchterlich und wir wissen ja alle, dass man das heutzutage nicht mehr so macht“.

 

Große Verunsicherung und Angst dem unschuldigen und geliebten Baby zu schaden wechseln sich mit nächtlichem Ärger und innerlicher Anspannung aufgrund des langen Schreiens ab. Was ist der richtige Weg? Wieso scheinen andere Kinder besser zu schlafen als das eigene Kind? 

Welche Möglichkeiten gibt es?

Es gibt viel Literatur zum Thema Baby-Schlaf, zahlreiche Meinungen und auch verschiedene psychotherapeutische Ansätze. Bekannt ist vor allem die Ferber-Methode, noch besser bekannt unter dem gleichnamigen Buchtitel „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn. Andere beliebte Bücher sind „Schlafen statt Schreien“ von Elisabeth Pantley und „Schlaf gut, Baby" von Renz-Polster. Diese Bücher richten sich ebenso an betroffene Eltern und bieten Ratschläge für ein sanfteres Schlafenlernen. 

Kurz erklärt: Was ist die Ferber Methode eigentlich?  

Die Ferber-Methode ist auch bekannt aus dem Buch nach Kast-Zahn, „jedes Kind kann schlafen lernen“ in der psychotherapeutischen Fachwelt wird von Extinktion gesprochen. Bei dieser Methode sollen die Eltern beim Einschlafen des Babys nach einer ersten gemeinsamen Zeit das Zimmer verlassen und nach vorher festgelegten Zeitabständen immer wieder zum Baby zurückzugehen, um es beruhigen. Die Zeitabstände sind dabei NICHT fest vorgegeben und die Eltern können frei wählen, ob sie nach 30 Sekunden oder 3 Minuten wieder ins Zimmer zurückkommen. Wichtig ist nur die konsequente Einhaltung der vorab ausgewählen Zeiten. Eltern denen das alleine im Zimmer lassen zu schwer fällt, wird vorgeschlagen, sich für diesen Zeitraum auf einen Stuhl im Zimmer etwas vom Kinderbett entfernt zu setzten. Die Methode ist hoch wirksam und bewirkt nach kurzer Zeit bereits Entlastung für Eltern und Kind.


Ich bin kein Verfechter der Ferber-Methode, ich bin aber auch kein Gegner dieser Methode. Ich plädiere dafür den Eltern die Wahl zu lassen, den für sie stimmigen Weg zu wählen. Dafür ist eine fundierte Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten wichtig und eine feinfühlige und sorgfältige Umsetzung des ausgewählten Ansatzes. Aber ebenso wichtig ist es, nicht zu hetzen. Und leider finden sich im Internet und auch in Büchern die alternative Schlafansätze erläutern versteckte „Hetzbotschaften“. Das finde ich nicht nur schade, sondern absolut kontraproduktiv. Keine Mutter mit der ich bisher gesprochen habe, bringt die Entscheidung leichtfertig übers Herz ihr Baby 1-3 Minuten schreien zu lassen. Und wenn sie es leichtfertig täte, dann ist das Einschlafen lernen für das Baby tatsächlich das geringste Problem. Wenn eine liebende und fürsorgliche Mutter aufgrund des anhaltenden Schlafmangels tagsüber ausgezehrt, geistig abwesend, unkonzentriert und kraftlos ist, ist es dann nicht fair ihren Entschluss nicht-wertend zu akzeptieren, dem anhaltenden Schlafproblem wirksam zu begegnen? 


Wussten Sie es?

Die Leitlinen für Psychotherapie (S2k) empfehlen als Methode der Wahl die graduierte Extinktion. Also die Methode, wie sie in „Jedes Kind kann schlafen lernen" erläutert ist. Natürlich ist eine individuelle Abstimmung auf die familiären Gegebenheiten notwendig und eine professionelle Begleitung zur Durchführung ratsam. Die Empfehlungen der Leitlinien können Sie hier nachlesen. (Die Medizinischen Leitlinien basieren auf dem Konsens einer multidisziplinären Expertengruppe zu den Vorgehensweisen in der Medizin unter Berücksichtigung der besten verfügbaren empirisch nachgewiesenen Wirksamkeit.) 

 

Gäbe es einen erwiesenen Zusammenhang zwischen späteren psychischen Problemen oder Bindungsstörungen würde die Bundesärzte- bzw. Bundespsychotherapeutenkammer diese Methode definitiv nicht empfehlen!

Sanftere Wege in den Schlaf

Wer FÜR SICH persönlich diesen Weg zum Schlafenlernen als zu grausam empfindet, dem möchte ich in erster Linie ans Herz legen andere Eltern nicht zu verurteilen!!! Außerdem gibt für diese Eltern auch Entlastung, denn es gibt auch sanftere Konzepte, mit denen Sie ihr Baby beim Schlafen unterstützen. Diese Herangehensweise dauert in der Regel etwas länger und erfordert mehr Geduld. Aber es gibt sie. Der Fokus liegt hierbei noch mehr auf der Schlafhygiene als es bei der Ferber-Methode der Fall ist. Schlafhygiene beinhaltet Routinen vor dem Einschlafen, fokussiert auf eine konsequente Einhaltung der Tagesschlafzeiten, Etablierung alternativer Einschlafhilfen und begleitetes Einschlafen. 

Ein Besipiel für einem entsprechenden sanften Ansatz bietet  Elisabeth Pantley mit ihrem Buch „Schlafen statt Schreien“. Pantley fokussiert in ihrem Buch stark auf Stillkinder und das Problem des nächtlichen Dauerstillens. 

Gibt es den einen richtigen Weg?

Die sanften Methoden sind vor allem sehr gut für Kinder geeignet, deren Schlafmuster bzw. Schlafstörung noch keine Extremform angenommen hat. Sollte ein erhöhter Leidensdruck bestehen, würde ich eine individuelle Beratung in jedem Fall ans Herz legen. Der Fokus sollte dabei immer auf der kindlichen Entwicklung und der familiären Situation liegen. Ein rigides Schlaf-Training dogmatisch durchzuführen, ohne individuelle Bedürfnisse und Hintergründe zu analysieren ist nicht ratsam. Die Methode „Jedes Kind kann schlafen lernen“ sollte den Autoren zufolge frühestens ab dem 6. Lebensmonat durchgeführt werden. Auch wenn Studien bereits Objektpermanenz bei 3 Monate alten Kindern nachgewiesen haben, so ist davon auszugehen, dass Kinder erst zwischen dem 10. bis 14. Lebensmonat eine zuverlässige Objektpermanenz erlernen. Das bedeutet erst ab diesem Zeitpunkt weiß Ihr Kind „ich kann die Mama zwar gerade nicht sehen, aber sie ist noch da.“ Dieses Wissen ist fundamental für das Sicherheitsgefühl ihres Kindes. Daher ist vor der Durchführung eines "Jedes-Kind-kann-Schlafen-lernen-Schlaftrainings" vor dem 10. Lebensmonat eine individuelle Beratung dringend zu empfehlen. Das Training schon vor diesem Reifungsschritt durchzuführen könnte tatsächlich zu Verlassenheitsgefühlen und Trennungsängsten führen. Meinen therapeutischen Arbeitsansatz in meiner Praxis in München Schwabing können Sie hier nachlesen.  

 

 

Ich freue mich sehr über fundierte Rückmeldungen (gerne auch mit Verweis woher die Information stammt) an meine E-Mail-Adresse. 

 

Literatur

Berk, L. (2011). Entwicklungspsychologie. Pearson Studium.

Kast-Zahn, A. (2007). Jedes Kind kann schlafen lernen. GU.

Pantley, E. (2014). Schlafen statt Schreien. Trias.