Stress in der Schwangerschaft KANN Motorik und Denken eines Babys fördern. Aber nicht immer ist das gut!

Ein schlauer Athlet dank mütterlichem Stress?

Entgegen der allgemein geläufigen Erwartung wirkt sich moderater Stress der Mutter während der Schwangerschaft positiv auf die kognitive und motorische Entwicklung des Babys aus. Allerdings nur bei einem mittleren Anspannungs- und Stresslevel. Starker Stress und hohe Belastungen haben hingegen negative Auswirkungen auf motorische und kognitive Entwicklung des Kindes. Erstaunlicherweise beeinträchtigt ebenso eine sehr niedrige Stressbelastung die kognitive und motorische Entwicklung, während  mittlere Anspannung und Alltagsstress sogar förderlich auf die kognitive und motorische Entwicklung ist. (DiPietro et al., 2006)

Man muss sich also bewusst machen, dass ein ideales Maß an Stimulation notwendig ist, um eine gute intellektuelle Entwicklung zu bedingen.

Unruhig, abwehrende Grundhaltung und kaum zu trösten?

Anders verhält es sich einer Studie von Haselbeck (2013) zufolge mit dem Temperament des Kindes. In diesem Fall entsprechen die Forschungsergebnisse wohl mehr unseren Erwartungen: Stress in der Schwangerschaft steht in Zusammenhang mit einem schwierigen Temperament des Babys. Temperament ist zu verstehen als die individuelle Ausprägung in den Bereichen „Unbehagen bei neuen Reizen", „Motorische Aktivität", „Beruhigbarkeit". Eigenheiten von Kindern mit einem sogenannten schwierigen Temperament wäre dann beispielsweise starkes Unbehagen bei neuen Reizen wie neuartigem Essen oder Begegnung mit fremden Personen. Körperliche Unruhe auch im Schlaf,  oder dass sich das Baby durch Singen oder Sprechen nicht oder kaum beruhigen lässt. Was Sie präventiv tun können lesen Sie im letzten Abschnitt dieses Artikels.

Für den Aspekt Beruhigbarkeit zeigte sich übrigens ein besonders starker Effekt bei emotionaler Belastung im dritten Trimester der Schwangerschaft. Belastende Faktoren nach der Geburt haben Haselbeck (2013) zufolge einen noch stärkeren Einfluss auf das Temperament.  (Haselbeck, 2013)

Anmerkung zum Stressniveau: Da sich die Menschen in ihrer Belastbarkeit unterscheiden, ist es nicht möglich zu sagen, welches Ereignis als wenig oder sehr stressig anzusehen ist. Als Messgröße für das Stresslevel wurde die Kortisolausschüttung mittels Speichelprobe ermittelt und in Zusammenhang mit berichteten belastenden Alltagsereignissen gebracht. Ein solches Ereignis könnte sein, dass die Betroffene sich hetzen musste, um einen Termin einzuhalten oder einen Streit hatte und sich dadurch sehr belastet gefühlt hat. 

Stress der Mutter wirkt sich ungünstig auf das Temperament des Ungeborenen aus.


Labil, sensitiv und längere Schreidauer?

Die bislang relativ wenigen Studien zu emotionaler und verhaltensbezogener Entwicklung von Säuglingen nach Schwangerschaftsstress weisen auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen pränataler Belastung der Mutter und einer Beeinträchtigung der emotional-behavioralen Entwicklung des Kindes hin. Diesen Erhebungen zufolge (Wurmser, 2007) wirkt sich der mütterliche Stress anhaltend auf die kindliche Verhaltensregulation aus. Untersuchungen zufolge sind die Babys gestresster Schwangerer signifikant schneller erregbar, geraten wenn sie gestresst sind in einen deutlich höheren körperlichen Erregungszustand, sind stärker irritierbar und in ihren Verhaltenszuständen labiler. Babys deren Mutter in der Schwangerschaft stark gestresst waren, verfügten tendenziell über weniger Selbstregulationsmöglichkeiten und zeigen eine eine längere Schrei- und Unruhedauer. (Wurmser, 2007)

Was mache ich jetzt mit dem Wissen?

Es gibt offenbar ein paar positive Effekte, die aus mütterlichem Stress in der Schwangerschaft resultieren. Diese Erkenntnisse erachte ich als besonders wertvoll und entlastend für Frauen, die starken Belastungen in der Schwangerschaft ausgesetzt sind (z.B. Verlust eines Angehörigen während der Schwangerschaft). Es kann helfen aus "Zitrone Limonade" zu machen. 

 

Schwangerschaft ist keine Krankheit und Schwangere sollen sich jetzt natürlich nicht Zuhause einsperren, um ja jede Anstrengung zu vermeiden. Und doch ist es gut, in der Schwangerschaft achtsamer mit sich umzugehen. Frauen, die über das oben beschriebene Wissen verfügen sind unbewusst sensibilisiert. Sie achten automatisch darauf übermäßige Belastungen zu vermeiden, nach Entspannungsstrategien zu suchen, eigene Anspannung besser wahrzunehmen und Stressoren zu reduzieren. All das ist wichtig, damit Sie einen guten Grundstein für die emotionale Kompetenz legen. Denn die emotionale Entwicklung ist wesentlich und bestimmend für ein zufriedenes Leben Ihres Kindes. 


Fazit für schwangere Frauen

  1. Meiden Sie besonders stressige und belastende Termine oder Ereignisse in der Schwangerschaft!
  2. Nehmen Sie sich Zeit zu Entspannen! Regelmäßiges Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können gut tun. Die Techniker Krankenkasse bietet eine Anleitung zum kostenlosen Download an. 
  3. Erlernen Sie professionelles Stressmanagement! Experten sind in diesem Bereich vor allem Verhaltenstherapeuten. Da die Stresstoleranz individuell variiert und die Anspannungsursachen unterschiedlich sind, ist es wichtig ihre individuellen Stressoren gezielt zu identifizieren, um sie dann zu reduzieren. 
  4. Nutzen Sie Kursangebote für Schwangere! Vor allem mit einem Geburtsvorbereitungskurs wie dem Hypnobirthing, lernen Sie gezielt zu entspannen und bauen Stress ab. Aber auch Yogakurse für Schwangere, oder Wassergymnastik für Schwangere helfen zu entspannen. 
  5. Machen Sie Dinge, die Ihnen so richtig gut tun: Freunde treffen, Ausflug in ein schönes Thermalbad, Hörbuch hören, ...

Literatur:

Haselbeck, Christin (2013). Fötale Programmierung: Der Einfluss von pränatalem Stress auf Entwicklung, Temperament und HHNR-Achsen-Funktion des Säuglings - eine prospektive Studie. Publikation im Internet.

Wurmser, Harald (2007). Einfluß der pränatalen Streßbelastung der Mutter auf die kindliche Verhaltensregulation im ersten Lebenshalbjahr. Brisch, Karl-Heinz; Hellbrügge, Theodor (Ed.), Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung. Schwangerschaft, Geburt und Psychotherapie (S. 129-156). Stuttgart: Klett-Cotta.